Gedanken zum Menschsein und Ewigsein

Mai 16, 2010 - 6:34 am No Comments

Na dann will ich mal Senf über die dritte große monotheistische Religion hinzufügen…

Von Mordechaj
Als Mosheh auf Chorev den brennenden Busch fragt, was er seinem Volke sagen soll, wer ihm auftrug, sie aus der Sklaverei zu führen, erhält er als Antwort: Ehyeh asher ehyeh.

Das ist im Grunde ein sehr schöner Ausdruck, um G-tt zu beschreiben, es ist nichts Greifbares, nichts Eindeutiges. Von jeher wird diese Aussage von Theologen und Übersetzern unterschiedlich wiedergegeben und interpretiert. Das hat den Grund, dass die hebräische Grammatik selbst sehr sparsam mit Formenreichtum ist, man muss die Wortbedeutung aus dem Kontext erschließen. Diese Aussage hier besitzt aber keinen Kontext, sie ist in nichts eingebettet als Ihn selbst, genauso wie auch Er ohne Kontext ist.

Was will dieses Ehyeh asher ehyeh nun bedeuten können?
‚ehyeh‘ ist die progressive Futurform von ‚sein‘, lihiot. Von Muttersprachlern wird die Form als eine Verbindung von Präsens (hoveh) und Futur (atid) wahrgenommen. Wie schon erwähnt ist die hebräische Grammatik sehr sparsam, so stecken in ein und derselben Konjugationsform mehrere verschiedene mögliche Aussageintentionen. In diesem Fall kann das sein: Ich werde sein, ich sei, ich soll sein, ich wäre, ich kann sein, ich geruhe zu sein, etc.pp. Das Wort beschreibt Ihn als zeitlos und unendlich.
‚asher‘ ist ein allgemeines Relativpronomen, auch hier ist das Hebräische wieder sehr auf Mehrwegverwendung bedacht, es kann sowohl als auch bedeuten: was, wer, wie, wo, wann; das, was; der, der; etc. Heutzutage wird das Pronomen nahezu ausschließlich dazu verwendet, Relationen in bestimmten Wortverbindungen anzugeben, kommt als alleinstehender Satzteil also kaum noch zur Geltung.

Ich bin der, der geruht  zu werden, all das und wer und all dort und wann ich sein werde.

Man spricht von göttlicher Emanation, von etwas, das einen Anfangspunkt im Hier und Jetzt besitzt und in der Ewigkeit nicht endet. Damit ist Er alles Seiende und alles Werdende, ein Alles-Sein und Selbst-Existieren. Viel mehr noch, Er ist der, durch den alles Sein und Werden erfährt.

Ivrit hat keine Präsensform für das Wort ‚sein‘. Ich kann auf Hebräisch nicht feststellen „Ich bin.“, nur „Ich bin klein.“, Ani katan. Das ist sehr interessant, wenn man daran denkt, was das für das Selbstverständnis bedeuten muss, viel mehr noch, wenn man an markante Stellen aus Bereshit denkt, wir deutlich, wie viel unmittelbarer Seine Existenz ohne einen Gegenwartszustand ist.
Ein Beispiel, welches in seinem Wortlaut ziemlich bekannt sein dürfte:
Vayomer Elohim yehi or ve-yehi or.  Elohim sprach: Es werde Licht; und es wurde Licht.

Nicht etwa befiehlt Er dem Licht zu sein, Er befiehlt ihm zu werden, und es war nicht, es wurde. Das Licht wird damit ebenso ungreifbar wie Seine Existenz, es ist ein Werden statt ein Dasein.

In Bezug auf Ihn fallen in den Schriften noch mehrere derartig Tautologien, etwa: „Ich will […] dir kundtun den Namen HVYH: Wem Ich gnädig bin, dem bin Ich gnädig, und wessen Ich Mich erbarme, dessen erbarme Ich Mich.“ Meist macht Er sie über sich selbst, weil Er niemals (zumindest soweit ich weiß; es kann vielleicht durchaus vorgekommen sein) objektiviert wird, er ist immer Subjekt. Das unterstreicht einerseits den Eindruck, dass diese Worte direkt von ihm kommen, andererseits weist es ihm auch stilistisch eine Allgegenwärtigkeit zu. Und selbst, wenn man über Ihn spricht, wird Seine Gegenwart stets betont, wo Mosheh den Söhnen Yisraels sagen soll: Ehyeh schickt mich zu euch.

Ehyeh asher ehyeh. Ich bin, der ich bin. Ich mag sein, was ich sei.

Es gibt keinen Satz im Tanakh, der meine Beziehung zu meinem G-tt mehr geprägt hätte, der mein Bild von der Schöpfung und dem Dasein besser zu fassen wüsste. Er besitzt keinen Namen, deshalb kann HaShem auch niemals offenbart werden, er ist das Alles-Sein und die Selbst-Existenz, er muss erfahren werden. Nur wer Sein und Werden in Einklang zu bringen vermag, der die unerklärte Selbstexistenz Seiner Herrlichkeit hinzunehmen vermag, lernt Ihn kennen.
Dr. Eli Erich Lasch beschreibt das in seinem Buch „Let there Be Freedom“ wie folgt:

Moses erlebte auf Chorev eine Erleuchtung, und seit dieser Zeit sah er die Welt auf andere Art und Weise. Er erkannte, dass die Wirklichkeit in verschiedenen Formen und Dimensionen gesehen werden kann. Nun war er bereit, nicht nur seine eigene Realität zu verändern, sondern auch die der ihn umgebenden Welt. Nun konnte er vollbringen, was wir „Wunder“ nennen würden. In diesem Augenblick hatte Moses seine Göttlichkeit wieder gewonnen.

Ich halte nicht viel von fremden Interpretationen der Schriften, weil sie letztendlich immer einen entweder subjektiven oder theologischen Charakter haben und beides ist bei der Entwicklung eines persönlichen Bildes eher hinderlich. Hier aber sprechen wir in etwa dieselbe Sprache.

 

Was ist die Konsequenz daraus?
Ein Dasein, das Sein und Werden zu akzeptieren und zu vereinen weiß, entfernt sich von der Existenz in der Vergangenheit. Der Mensch definiert sich im Allgemeinen über das, was ihm Zugestoßen ist, seine Identität besteht aus in vergangenen Ereignissen erworbenen Werten und Erfahrungen. Das ist einerseits die Wesensgabe des Menschen, dass er erinnern kann, nur durch Erinnerung wird eine Zukunft denkbar. Das tut der Göttlichkeit der Emanation keinen Abbruch, jeder Anfang hat eine Art dunkles, angsteinflößendes Nichts, aus dem er hervorging. Auch der Gott der Hebräer hat einen Anfang:

Vayomer anuki Elohi abeykha, Elohi Abraham, Elohi Izehak, ve-Elohi Yakov. Und er sprach: Ich bin da eben der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Man darf diesen Urzustand hier nicht falsch verstehen, nämlich schöpferisch. Er ist viel eher tranzendental zu sehen. Als Gott sich Mosheh als der Gott seiner Vorväter zu erkennen gibt, verbirgt dieser angstvoll sein Gesicht. Bei Lasch:

Im ersten Teil der Begegnung erscheint Gott Moses in dem Aspekt von HVJH, dem Aspekt des ewigen Seins, als Gott der Zeit. Die Offenbarung beginnt mit der Erinnerung an die Vergangenheit – Ich bin der Gott deines Vaters – und Moses reagiert, indem er sein Gesicht verhüllt.  „Was für ein Gott ist dieser Gott, den wir für seine Dienste und Versprechen in der Vergangenheit anbeten sollen und der es in der Gegenwart zulässt, dass sein Volk ausgerottet wird. Ein solcher Gott ist höchstens zu fürchten.“ […] Aber in diesem Augenblick verändert sich alles, und Gott wird zum Gott der Gegenwart.

Die Mission Mosheh, der Auszug aus Ägypten, die Erfahrung der Schemot, das Auserwählen der leidenden Hebräer zum Bund mit G-tt bilden den Anfang von Adonay, dem Herren. Dennoch verkörpert er weiterhin die göttlichen Dimensionen seiner Schöpfung und seiner Selbst-Existenz, Elohi ist Elohim, ein Gott, der mehre Götter ist, der Gott Jakobs, Isaaks, Abrahams, Noahs, Amrams, schließlich Moshehs, der Gott der Schöpfung, auch der Gott Christi, manchmal sogar der Gott der Muslime.

Der Charakter G-ttes ist ein ständiges Neuanfangen, ein Umwerten, wenn man es mit Nietzsche halten will: Ein Vergessen. Das bedeutet – noch einmal – nicht, dass man die Vergangenheit nichtig zeihen oder gar auslöschen soll, es heißt nur, sie als vergangen anzuerkennen.
Gleichzeitig heißt es, sich der Zukunft anzuvertrauen, auf dass aus ihr schöpferische Kraft entstehe. Auf diese Weise bleibt die Nähe zum Alles-Sein gewahrt, die Rückkehr dahin ermöglicht.

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