Mission trotz Missbrauch ?
Mittwoch, der 12. Mai 2010. Ich sitze gerade auf einer Parkbank am Markusplatz Bamberg. Die Sonne kommt erstmals an diesem Tag hinter den Wolken hervor, die Schule hat gerade geendet und ich habe etwas Zeit, bevor ich zur Mathematik-Nachhilfe muss. Darum lese ich in meinem Buch weiter. „Im Westen nichts Neues“. Plötzlich vernehme ich eine laute Stimme: „Guten Tag!“ Ich blicke auf. Vor mir steht eine Wand aus weißen Hemden, sowie schwarzen Krawatten und Namensschildern. „Kennen Sie schon das Buch Mormon?“ Ich kenne es zur genüge, da meine Nachbarin – eine gute Freundin von mir – Mormonin ist. Allerdings habe gerade überhaupt keine Lust auf einen theologischen Disput – die Westfront ist einfach zu spannend. Ich sage also nur: „Kein Interesse!“. Doch die beiden Missionare der letzten Heiligen wollen mir meine Lektüre offenbar einfach nicht gönnen. „Kennen Sie denn eventuell Jemanden in ihrer Familie, dem wir das Licht der Hoffnung bringen können?“ Mir wird das Ganze etwas zu dreist, darum stehe ich und setze meinen Hut auf, und gehe. Im Gehen rufe ich den beiden Weißhemden noch zu: „Ich kenne Euren Verein. – Eure Ansichten sind völliger Schwachsinn! – Ich bin in der EKD; Ich bleibe in der EKD! Schönen Tag.“ Dass sie zurück grüßen höre ich schon gar nicht mehr.
Später tut mir meine etwas gereizte Reaktion Leid. Ich bin als Christ schließlich ebenfalls zur Mission berufen, und habe sogar selbst schon an missionarischen Aktionen teilgenommen. Da kann ich doch nicht plötzlich etwas gegen das Missionieren haben, bloß weil es in diesem Fall eben von Leuten ausgeht, die einen anderen Glauben haben! Natürlich kann man sich darüber streiten, ob die Art und Weise, wie die beiden Mormonen missionierten, angemessen war – aber gegen den Missionsversuch an sich lässt sich nichts sagen.
Vor allem habe ich selbst schon erfahren gemusst, wie schnell man wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion intolerant, und vor allem undifferenziert behandelt wird. Während des Christivals 2008 in Bremen, berichteten alle großen Zeitungen und Magazine wie konservativ, evangelikal, und vor allem intolerant und homophob wir Christen doch alle seien, und wie aufgeklärt und tolerant doch die Gegendemonstranten. Worüber seltsamerweise aber kaum eine Zeitung berichtete: Während des Christivals durchbrach eine größere Gruppe der Gegendemonstranten den Zaun des Christival-Geländes, und attackierte uns Christen mit Feuerwerkskörpern – vereinzelt auch mit Knüppeln. Dass dabei niemand ernstlich verletzt wurde, haben wir nur dem schnellen Eingreifen der Polizei zu verdanken.
Wo wir schon schon bei den Medien sind: In Bezug auf den Missbrauch-Skandal der katholischen Kirche ‘zierte’ das Cover der Satire-Zeitschrift TITANIC vor Kurzem ein Bild, welches einen Priester zeigt der vor einem Kruzifix kniet. Die Perspektive des Bildes versuchte eindeutig den Gedanken an Oralverkehr zu implizieren; Untertitelt war das Ganze mit: “Kirche heute”. Viele christliche Zeitschriften – z.B. Idea Spektrum, und PRO – regten sich über das „blasphemische“ Bild auf, und so auch Ich; doch ich denke mittlerweile, dass man dem Bild auch durchaus Positives abgewinnen kann. Ich zumindest fühlte mich beim betrachten des TITANIC-Covers sofort an den Ausspruch Jesu „Was ihr einem meiner geringsten Brüder [an]getan habt, das habt ihr mir [an]getan!“ erinnert. Sollte dies der Hintergrundgedanke des Zeichners gewesen sein – was ich allerdings bezweifle – so wäre das TITANIC-Cover in der Tat das, was es vorgibt zu sein: Intelligente; Kritische; Gut gemachte Satire.
Um auf die Mission zurückzukommen: Im Zuge des Missbrauch-Skandals stellt sich natürlich auch die Frage, ob man nun als Christ überhaupt noch guten Gewissens für das Christentum werben darf. Ich persönlich denke: Man darf es.
Nur weil Einzelne, welche vorgeben einem System zu folgen, dieses System falsch oder gar nicht umsetzen, ist noch nicht das System an sich falsch! Das Christentum ist nicht falsch! Sonst müsste auch die Demokratie falsch sein, nur weil sie in der Deutschen ‘Demokratischen’ Republik falsch umgesetzt wurde!
Das Kreuz sei eben kein Zeichen für Missbrauch, Gewalt, und Kreuzzüge!
Das Kreuz ist ein Zeichen für Gewaltlosigkeit und die „andere Wange“.
Das Kreuz sei eben kein Zeichen für Intoleranz und blanken Hass!
Das Kreuz ist ein Zeichen für„Liebe deine Mitmenschen“, ja sogar für
„ Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen! “.
In diesem Sinne …
Jérôme Denis Andre, 18 Jahre
Mai 16th, 2010 at 08:01
“aber gegen den Missionsversuch an sich lässt sich nichts sagen.”
Ich finde doch. Du hast ja selbst gemerkt, wie schnell es nervig und unangenehm wird, wenn wildfremde einem ein Gespräch über ihre Anschauungen und Werte aufzwingen wollen, die offensichtlich nicht deinen Anschauungen und Werten entsprechen.
Der Missionsgedanke stammt aus einer Zeit, in der man dem Menschen nicht das Recht zugestanden hat, seine Identität frei und ohne äußeren Einfluss zu wählen. Zugegeben, diese Denkweise hat bis heute überlebt, aber es ist meinem bescheidenen Empfinden nach deine erste Pflicht als Christ, deinen eigenen Glauben innerhalb deiner Privatsphäre, das heißt mit dir selbst oder mit deiner Gemeinde, auszuleben, erst danach solltest du darüber nachdenken, wie du die Botschaft deines Glaubens anderen nahe bringen willst.
Vor allem anderen sollte Mission in der heutigen Zeit und unter Anerkennung des Rechtes auf Privatsphäre des Gegenübers nicht so penetrant und aktivistisch aussehen, wie beispielsweise bei deinen Mormonen. Sich in die Fußgängerzone stellen mit nem Plakat oder was anderem Auffälligen, sodass interessierte Passanten auf die Idee kommen, auf einen zuzugehen – ja. Vorsichtiges, einmaliges Anfragen, ob man Interesse an einem kurzen Gespräch hat – ja. Im vertrauten Kreis auch mal ein zwangloses Gespräch anleiern – ja. Aber es muss sich niemand gezwungermaßen mit anderer Leute Glaubensinhalten auseinandersetzen.
Der Punkt ist: Man kann auch diskret missionieren. Es ist also nicht pauschal zu sagen, dass jeder Missionierunsversuch im Kern legitim wäre.