Der Koran
Von Jin
Nun bin ich mit der Lektüre des Korans schließlich doch zu einem Ende gekommen. Da ich dem Arabisch noch nicht nennenswert mächtig bin, bediente ich mich der Übersetzung von Max Henning. Mit großen Enthusiasmus die ersten Suren gelesen, aber zugegebenermaßen sah ich mich einige Male in der Tat der Situation gegenüber nicht fortfahren zu wollen. Aufgerafft, hab ich besonders in Richtung Ende fast so etwas wie Gefallen daran gefunden. Die Sprache hat etwas wundervoll Beruhigendes, spendet fast schon Trost, wenn man eigentlich völlig fertig ist.
Natürlich hat der Koran durchaus den Charakter einer versuchten Gehirnwäsche, was wohl auch Sinn und Zweck eines solchen Buches ist. Eine Zeile, die auf jeden Fall haften bleibt, wäre diese: >>Siehe, Allah ist weise und barmherzig.<< in unzähligen Wiederholungen und Variationen. Nun, einen übermäßig barmherzigen Eindruck von Allah konnte man mir nicht vermitteln. Zuerst erscheint er mir wie eine völlig von Menschen geschaffene Figur – Willkür, Gefallsucht, derartiges. Aber auch wenn ich Allah für real hielte und bestrebt wäre, unter allen Umständen ins Paradies ein zu treten – es wäre mir völlig suspekt, wie ich dies bewerkstelligen sollte. Fast jede Tat wird mit Dschahannam bestraft. Nun ist Allah zum Glück ein verzeihender Gott, doch verschließt er die Herzen der Ungläubigen und Frevler, so dass sie am Jüngsten Tag keinen Einzug in den Garten Eden, durcheilt von Bächen, usw. halten werden. Vor allem an diesen Stellen, an denen Allah etwas über die Schließung von Herzen verkünden lässt, erscheint er mir willkürlich.
Oft erzählt der Koran von Dingen, die mit unseren heutigen Werten eigentlich nicht mehr vereinbar sind. In der Tat fordert dieses Buch zur Vernichtung der Ungläubigen auf, und es stimmt genauso, dass Frauen den Männern nicht gleich gestellt sind. Ein muslimischer Mailfreund, der mir die ganze Zeit geduldig zur Seite stand, meinte, die finanziellen Unterschiede kommen ganz einfach daher, dass Männer grundsätzlich für die Familie zu sorgen hatten und es deshalb nicht notwendig war, einer Frau übermäßig viel zu vererben. Plausibel. Der Koran ist 1400 Jahre alt, das sollte man nicht außer Acht lassen. Ich persönlich finde es vor 1400 Jahren ebenso abstoßend wie heute, wenn man über andere Völker herfällt und Frauen schlägt, aber derartiges scheint ja auch im Abendland nicht ganz unüblich gewesen zu sein. Irgendwann macht es eine Religion nicht mehr zwingend sympathisch, wenn sie sich an 1400 Jahre alte Buchstaben klammert.
Ganz interessant ist auch, dass der Koran das Judentum und das Christentum nicht als Religionen anderer Götter sieht, sondern einfach als Vorgängerreligionen des Islams. In der Vergangenheit tauchten wohl schon einige Propheten mit Botschaften Allahs auf, so dass z.B. die beiden o.g. Religionen entstanden sind. Leider wurden die Wahrheiten, die diese Propheten verkündeten, von den Menschen verfälscht, so dass es notwendig war, den Koran als letztes entgültiges Wort Gottes zur Erde zu senden.
Eine solche Lüge ist beispielsweise die Situation Jesus’ im Christentum. Es stellt eine wirklich sehr geächtete Sünde dar, zu behaupten, er wäre Gottes Sohn. Allah legt im Koran gesteigerten Wert darauf, dass er der absolut einzige Gott ist und keinerlei Verwandschaft hat, was auch einen Sohn ausschließt.
Viel mehr soll Jesus’ Geschichte so vonstatten gegangen sein, dass Maria aus irgendeinem Grund nicht geschwängert werden konnte und Beauftragte Allahs schließlich sinngemäß sagten >>Sei!<< und Jesus war.
Die 112. Sure – eine der kurzen, am Ende des Korans gelegene – empfand ich als sehr eindrucksvoll:
Die Reinigung
Geoffenbart zu MekkaIm Namen Allahs,
des Erbarmers, des Barmherzigen!1 Sprich: Er ist der eine Gott,
2 Der ewige Gott;
3 Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt,
4 Und keiner ist ihm gleich.
Ein kurzer Exkurs in die Welt des Korans.
Mai 16th, 2010 at 08:14
Macht es dir etwas aus, wenn ich die Hälfte der Aussagen ein bisschen undifferenziert finde? Genauso wie jede andere heilige Schrift ist der Qur’an im historischen und kulturellen Kontext zu sehen, viele viele Muslime bekommen diese Betrachtung auch auf die Reihe – dass es Fundamentalisten gibt, wissen wir inzwischen.
Ich hätte es schön gefunden, wenn du dich mit konkreten Thesen des Qur’an näher auseinander gesetzt hättest, vielleicht auch mit denen, die nicht so allgemein bekannt sind, denn was der fundamentale Islam mit Frauen und Ungläubigen vorsieht, ist nicht’s Neues mehr.
“Die Sprache hat etwas wundervoll Beruhigendes, spendet fast schon Trost, wenn man eigentlich völlig fertig ist.”
In diesem Zusammenhang kann ich Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (oftmals kurz einfach “Rumi) sehr sehr empfehlen. Im Sufismus findet man übrigens auch viele fortschrittliche und unheimlich andächtige Elemente des Islams wieder, die widerspiegeln können, was diese Religion trotz ihrer Misogynie und Schlächterei so ansprechend für so viele viele Menschen macht.
Mai 16th, 2010 at 17:48
Nein, das macht mir nichts aus, auch da ich der Meinung war, ein wesentlich längerer, detailreicherer Artikel, hätte den Rahmen dieses Blogs gesprengt und Betrachter teilweise schon vor dem Umfang zurück schrecken lassen.
Die Thematiken Frauen und Ungläubige anzusprechen, empfand ich schon als einen relativ wichtigen Aspekt eines Artikels, da mir da niemals eine derartige Klarheit zu herrschen schien, wie du sagst. Einige Quellen meinen, der Koran fordert direkt zum Dschihad auf, andere erklären wieder, eine derartige Zeile ist in diesem Buch nicht zu finden. Derartiges.
Falls ich das ein wenig unglücklich formuliert habe, ich fühle mich keinesfalls vom Islam angesprochen; die im Koran beschriebenen Praktiken – von Menschen gefordert oder von Allah (bzw. seinen himmlischen Dienern) in der Geschichte ausgeführt – sind nichts, womit ich mich identifizieren wöllte. Andere Völker vernichten, mit alten nicht-muslimischen Freunden brechen, um deinem Gott zu gefallen; ein Gott der die Völker Lot’s, Noah’s und vieler anderer mit einem Schrei (dem Gabriels) vernichtete, nur weil sie nicht von den Göttern ihrer Väter lassen wollten…der Islam scheint Menschen primär durch Angst kontrollieren zu wollen. Lediglich die erhabene Sprache empfand ich als beeindruckend.
Mai 17th, 2010 at 20:54
“die im Koran beschriebenen Praktiken – von Menschen gefordert oder von Allah (bzw. seinen himmlischen Dienern) in der Geschichte ausgeführt – sind nichts, womit ich mich identifizieren wöllte.[...]
der Islam scheint Menschen primär durch Angst kontrollieren zu wollen.”
Hänsel und Gretel haben eine alte Frau ermordet. Genauso Dorothy aus dem Zauberer von Oz zweimal. Jeanne d’Arc hat hunderte Männer in den Tod geführt und mit ihrer Armee hunderte Leute getötet. Von Arthus ganz zu schweigen. Oder Robin Hood. Schonmal nen James-Bond-Film gesehen? Any other action movies? Sind die westlichen Kulturen schlecht, weil sie aus Kriegen, Massenmorden und Foltersystemen hervorgehen?
Du musst es nicht mögen; dass du es nicht tust, ist auch klar aus deinem Text hervorgegangen. Aber du solltest dich damit schon etwas kritischer auseinandersetzen können als. Es ist vollkommen klar, dass du dich damit nicht identifizieren kannst, es ist ja ein vollkommen anderes Kultursystem; ich bin mir sicher, dass du dich mit der alten ostasiatischen Kultur auch nicht identifizieren könntest, denn das was uns heute mit dem fernen Osten verbindet, ist seine Verwestlichung. Wenn das aber alles ist, was du aus der Koranlektüre mitnimmst, dann hast du deine Zeit verschwendet. Und selbst, wenn dein letztendliches Fazit tatsächlich ist, dass du dich damit nicht identifizieren kannst: Gut für dich, uninteressant für den Rest der Welt. Du kannst außerdem den Islam genauso wenig auf ausschließlich den Koran herabsetzen, wie du das Christentum auf die Bibel oder das Judentum auf den Tanakh herunterrationalisieren kannst.
Mai 18th, 2010 at 19:27
Ich bin kein wirklich stolzer Verfechter westlicher Kultur, aber das tut ja jetzt nichts zu Sache.
Nun, meine Beweggründe hätte ich natürlich durchaus erläutern sollen. Ich bin keineswegs mit den Gedanken >>Mmm, vielleicht ist das ein tolles Buch, mal sehen ob mir der Islam sympathisch ist…<< an den Koran heran getreten. Vielmehr hielt und halte ich es für ganz sinnvoll, in Diskussionen das größtmögliche Hintergrundwissen zu besitzen, was eben nicht immer aus Sekundärliteratur zu ziehen ist, die im Falle des Islams nun doch auch recht unterschiedliche Aussagen trifft. Und so wollte ich hier nun einige Inhalte kurz zusammen fassen, falls Interessierte dies lesen wöllten.
Natürlich ist jede Religion sehr viel mehr als ihr heiliges Buch, aber nichts destro Trotz fordert der Islam ebenso wie das Christentum, dass man nach den im jeweiligen Buch beschriebenen Grundsätzen handelt, wodurch dem Koran und der Bibel in ihren Religionen doch eine nicht ganz unwichtige Rolle zukommt.